“Macht Euch die Erde untertan”

“Macht Euch die Erde untertan”

“Macht euch die Erde untertan”

Dass sich der Mensch selbst vernichtet, wenn er seine Umwelt vernichtet, ist eine logische Einsicht unserer Zeit. Doch sie kommt spät. Wir müssen uns heute die Frage stellen, warum frühere Generationen die Umweltzerstörung nicht entschlossener aufgehalten haben – zumal sie noch stärker an eine gemeinsame Ethik gebunden waren, vor allem an die ethischen Gebote der Kirchen.

Nun, in allen Weltreligionen finden sich Begründungen dafür, warum der Mensch seine Umwelt schonen sollte. In keiner wird Naturschutz jedoch explizit gefordert. Das Hauptproblem liegt darin, wie die Beziehung zwischen Gott, Schöpfung und Mensch jeweils aufgefasst wird.

Denn auf der praktischen Seite vertreten die Weltreligionen allesamt ein Prinzip der Gewaltlosigkeit; sie verbieten im Grunde genommen das Töten bzw. Verletzen anderer Wesen, also von Tieren und Pflanzen. Dieses Prinzip wird damit begründet, dass alle Wesen Teil derselben Schöpfung sind.
Der Mensch wird aber in vielen Religionen in einer herausgehobenen Position ÜBER allen anderen Wesen gesehen.

Judentum, Christentum und Islam beispielsweise fassen die Schöpfung als “Besitz” Gottes auf. Der Mensch ist ihr als Statthalter Gottes übergeordnet; er soll die Welt im Namen Gottes verwalten oder sogar ausdrücklich beherrschen, wie es im Alten Testament heißt. Diese “Verwaltung” soll sich daran orientieren, dass der Mensch seine Bedürfnisse befriedigen kann. Das Verhältnis zur Schöpfung ist also “utilitaristisch”.

Hingegen im Hinduismus, im Zen und in einigen “Indianerkulturen” zeigt sich Gottes Macht nicht nur in seiner Schöpfung; er IST die Schöpfung selbst. Alles in der Natur ist mithin heilig, und es ist dem Menschen nicht gestattet, sich über sie zu stellen.
Diese Auffassung geht manchmal soweit, keine Trennung mehr zwischen Ich und Welt, Gott, Schöpfung und Mensch zu sehen: Jedes ist auf das andere angewiesen, so dass Frieden für das gesamte Universum das höchste Ziel sein muss.
Eine ähnliche Weltsicht findet sich auch in den Richtungen der jüdischen, christlichen und muslimischen Mystik. Sie stellt aber keinen Zentralgedanken dieser Religionen dar.

So entspringt das noch sehr junge Verantwortungsgefühl für die Natur in den westlichen Industrienationen keiner religiösen Ethik. Erst deutliche Missstände zwingen sie dazu, über den Schutz ihrer Lebensgrundlagen nachzudenken, möglicherweise zu spät – wieder eine bloß “utilitaristische” Herangehensweise an das Problem also.

Die Rolle der Weltreligionen im Umweltschutz bleibt damit fraglich. Ihre Schriften haben in den letzten Jahrtausenden nicht dafür gesorgt, die Zerstörung der Schöpfung zu verhindern oder auch nur zu verlangsamen (vielleicht sogar ganz im Gegenteil). Das betrifft die “utilitaristische” Weltsicht genauso wie die fernöstliche Mystik. Der Einfluss der Kirchen schwindet zudem in den westlichen Industrienationen immer mehr.

Der aufgeklärte moderne Mensch ist somit auf sich selbst gestellt, das für ihn individuell passende Argument für den Schutz seiner Umwelt zu wählen – seien es Weltentsagung und Askese wie im Buddhismus, mystisches Verbundenheitsgefühl, Ehrfurcht vor der “nur geliehenen” Schöpfung – oder logisches Kalkül.
Dass er aber eine Wahl treffen muss, und zwar schnell, steht außer Frage.

Wer mehr zum Thema “Weltreligionen und Umweltschutz” wissen möchte, kann sich hier informieren:
Michael Pye, Christoph Kleine und Matthias Dech: Ökologie und Religionen. Eine religionswissenschaftliche Darstellung. Bericht für den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU) am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. In: Marburg Journal of Religion, Vol. 2, Nr. 1 (1997).
URL: http://web.uni-marburg.de/religionswissenschaft/journal/mjr/oekologie.html

Was Ethik und Nachhaltigkeit für die Wirtschaft bedeuten, findet sich sehr gut beschrieben in:
Peter Ulrich, Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie. Bern/Stuttgart/Wien, 2001.

Juli 2007

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